Frauen im Fußball:
„Es fehlen Strukturen“

 

In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern so groß wie im Profifußball. Die Gründe, warum der deutsche Volkssport bei weitem nicht so divers ist, wie er gerne wäre, sind vielfältig. Bei einem Think Tank des Impact of Diversity in Kooperation mit der Female Football Academy analysieren Expert:innen die Lage.

 

Mit vier Jahren hat Tabea Kemme zu ihrem Vater gesagt: „Dad, ich will Nationalspieler werden.“ Spieler sagt sie, nicht Spielerin. „Ich kannte schließlich nur Vorbilder aus dem Männerfußball“.

18 Jahre später macht die heute 29-Jährige ihr erstes Länderspiel. Kemme wird eine der erfolgreichsten deutschen Profispielerinnen. Sie gewinnt mit dem Nationalteam olympisches Gold und mit Turbine Potsdam die Champions League. Zuletzt spielt sie für den englischen Spitzenklub Arsenal London und muss im Januar wegen einer Verletzung ihre Karriere beenden. Wäre Tabea Kemme ein Mann, wäre sie hierzulande wohl ein hochbezahlter Superstar wie die etwa gleichaltrigen Toni Kroos und Thomas Müller. Als Frau aber verläuft ihre Fußball-Karriere gänzlich anders.

Stimmt die These, dass Fußball immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, steht es hierzulande nicht gut um Gleichberechtigung und Vielfalt. „So signifikant wie im Profifußball und im Sport sind die Unterschiede in keinem anderen Bereich“, stellt Barbara Lutz, Gründerin des Frauen-Karriere-Index und des Impact of Diversity, fest. In einem Think Tank mit Expert:innen aus Wirtschaft und Sport ist der Impact of Diversity den Ursachen dafür auf den Grund gegangen. Die Veranstaltung „Gerechte Teilhabe im Fußball“ sollte vor allem aber auch Lösungsperspektiven aufzeigen.

 

Das „Kartenhaus Frauenfußball“

Tabea Kemme

Während ihre Altersgenossen Kroos und Müller schon als Teenager gut dotierte Verträge haben, muss Kemme „viel mehr wagen, um erfolgreich zu sein“. Seit ihrem 16. Lebensjahr spielt sie in sämtlichen U-Nationalmannschaften. Trotzdem kann sie allein vom Fußball-Verdienst nicht leben. Sie macht parallel eine Ausbildung zur Polizei-Kommissarin. „Schon ein paar Schuhe für 450 Euro waren für mich als 16-Jährige ein Thema“, sagt Kemme. Ohne ihre Förderer und Sponsoren sowie die Sportfördergruppe der Polizei wäre sie „als Athletin aufgeschmissen gewesen“. Das System habe ihr dabei nicht geholfen. Viele Sponsoren und Unterstützer habe sie sich in ihrer Karriere selbst beschaffen müssen.

Kemmes Erfahrungsbericht macht eine Misere deutlich, die andere Teilnehmerinnen der Runde bestätigten. „Es fehlt grundsätzlich an Strukturen, um den Frauenfußball zu professionalisieren“, sagt Chantal Hoppe. Es mangele an „langfristigen Konzepten und Geldern“. Außerdem gebe es „kaum Trainingsangebote außerhalb der Vereinsstrukturen“.

Auch Hoppe war erfolgreiche Bundesliga-Spielerin, wech­selte später auf die Trai­ner­bank und baute die Mäd­chen- und Frau­en­ab­tei­lung bei Tennis Borussia Berlin auf. Sie hat eine ausführliche Konzeptstudie zur Situation des Frauenfußballs in Deutschland und Berlin erstellt. Ihre Analyse ist die Keimzelle der Female Football-Academy, deren Mitbegründerin sie ist. Andreas Gebhard, ebenfalls Gründer der Akademie, beschreibt die Lage so: „Ohne die vielen Ehrenamtlichen, die sich jeden Tag zerreißen, aber wenig Anerkennung dafür erhalten, wäre das Kartenhaus Frauenfußball schon längst zusammengebrochen“.

 

„Ihre Tochter spielt stark – für ein Mädchen“

Wie schlecht das deutsche System nach wie vor auf fußballspielende Mädchen eingerichtet ist, zeigt auch die Geschichte von Emma Marie Lattus. Die 14-Jährige dürfte zu den begabtesten jungen Spielerinnen ihrer Generation in Deutschland gehören, war bereits mehrfach für die U15-Nationalmannschaft im Kader. In ihrem Verein FC Hennef 05 spielt Emma als einziges Mädchen in einem Team mit den gleichaltrigen Jungs. Ihre Mutter Asumpta Lattus, Journalistin bei der Deutschen Welle, berichtet von ständigen Vorbehalten und Hürden, mit denen ihre Tochter konfrontiert wird. „Ihre Tochter spielt ja richtig stark – für ein Mädchen“. Diesen Satz hört Lattus immer wieder und ärgert sich darüber. Obwohl Emma zu ihrem Team gehörte, durfte sie nicht automatisch in der höchsten U-15-Liga des Verbands antreten, weil sie ein Mädchen ist. Sie musste eine besondere Genehmigung beantragen. „Wer macht solche Regeln“, fragt Lattus. Sie findet, die Trennung zwischen Frauen- und Männerfußball sollte weniger strickt sein. „Es ist einfach Fußball.“

Emma Lattus

„Emmas Traum ist es, später als Profi ihr Geld zu verdienen – genau wie die Männer“, sagt ihre Mutter. Doch auch rund 15 Jahre, nachdem Tabea Kemme und Chantal Hoppe ihre ersten Schritte in den Profisport machten, sind die Aussichten für Emma nicht viel anders. Die wirtschaftlichen Perspektiven für eine Karriere als Profifußballerin sind bei weitem nicht so gut wie für ähnlich hoch veranlagte Jungen ihres Alters.

Chantal Hoppe hat in ihrer Analyse vor allem einen Ansatzpunkt ausgemacht, um die Situation zu verbessern: mehr Geld wäre die Grundlage für professionellere Strukturen. Dafür aber müsse der Frauenfußball „sichtbarer werden“, sagt Hoppe. Mit wachsendem öffentlichem Interesse würden auch „die Absatzmärke entstehen“. Notwendig dafür sei ein professioneller Markenaufbau, der den Sport „für Unternehmen und Sponsoren interessanter machen würde“.

 

„Es müssen Strukturen aufgebrochen werden“

Wie so etwas in der Praxis aussehen könnte, berichtet Tabea Kemme aus ihren Erfahrungen im englischen Profifußball. Dort setze die Football Association (FA), das englische Pendant zum Deutschen Fußball-Bund, bereits seit Jahren „positive Impulse“. In England werde im wahrsten Sinne des Wortes ein viel gleichberechtigtes Bild des Sports vermittelt. Werbekampagnen zeigten Spielerinnen und Spieler. In Deutschland sehe man dagegen oft nur Bilder von Models statt echter Bundesliga-Spielerinnen, wenn für das Thema Frauenfußball geworben werde. Dauerkarten würden überdies für Männer- wie für Frauenpartien gelten, so Kemme. „So spielen in England auch Frauenmannschaften in den großen Stadien vor mehr als 40.000 Menschen“.

„Es müssen Strukturen aufgebrochen werden“, findet Yolanda Rother, Mitgründerin der Diversitäts-Beratung The Impact Company. Das Thema gehe letztlich „über den Frauenfußball hinaus, es betrifft auch LGBT+, Diversität und Rassismus“. Ein mögliches Vorbild, wie Frauenfußball auch hierzulande „stärker verankert werden könnte“, ist für sie das College-System in den USA.

Eine der prominentesten Frauen im deutschen Profifußball ist Bibiana Steinhaus-Webb. Sie war die erste Schiedsrichterin, die in der Bundesliga Männer-Spiele leitete. Auch ihr Werdegang zeigt, wie schwer sich der deutsche Profifußball noch immer mit Frauen tut. Vor knapp 15 Jahren gab es ausschließlich Schiedsrichtertrikots im Herrenschnitt. „Bei einem Fotoshooting waren unsere Sponsoren damals völlig verzweifelt.“ Heute gibt es auch Trikots im Frauenschnitt. Immerhin gebe es in neueren Stadien inzwischen bauliche Lösungen auch für diverse Schiedsrichterteams- also mehr als eine mögliche Kabine für das Team der Unparteiischen. „Veränderungen brauchen Zeit. Das verstehe ich. Trotzdem können wir das Tempo ein wenig anziehen,“, meint Steinhaus-Webb.

 

Sponsoren in der Pflicht

Die Berichte im Think Tank hätten sie „erschüttert und fassungslos gemacht“, sagt Steinhaus-Webb. Sie habe „gehofft, dass die Situation bei der Vielzahl von Spielerinnen eigentlich besser sein müsste.“ Ein Hebel für Veränderungen sieht die Schiedsrichterin auch bei der finanziellen Unterstützung. „Unter den Sponsoren des Fußballsports sind zahlreiche  Unternehmen, die für sich selbst Ziele wie Vielfalt und Diversität in ihren Strategien definiert haben. Sollte die Unterstützung dieser Unternehmen nicht in Vereine und Verbände fließen, die diese Ziele auch erfüllen“, fragt sie. Eine Anregung, die in der Think-Tank-Runde viel Zustimmung erhielt. „Ich werde das Thema mal mit den Kollegen aus dem Sportmarketing besprechen“, sagt eine Teilnehmerin, die für einen großen deutschen Konzern arbeitet.

Steinhaus-Webb ist eines der bekanntesten Gesichter von „Fußball kann mehr“. Die Initiative setzt sich für mehr Frauen in den Führungsgremien und mehr Chancengleichheit in den deutschen Fußballvereinen und -verbänden ein. Sie glaube, „dass sich niemand dieser Entwicklung verschließen kann. Schließlich sei der Nutzen von gemischten Teams hinlänglich nachgewiesen.“ Hoffnung machen ihr vor allem die zukunftsgewandten Menschen. „Ich weiß, dass viele Menschen, die in der Fußballbranche arbeiten, ein großes Interesse daran haben, dass wir in diesen Themen vorankommen“.